Interessiert?

Spätestens in der Schule fallen Worte wie Motivation und Interesse immer öfter. Kinder, die nicht motiviert sind (oder wirken) und die kein Interesse am Lernen oder an bestimmten Lerninhalten zeigen, müssen einen sehr viel steinigeren Schulweg gehen.

Das kennen wir Erwachsene ja selbst: wenn wir nicht motiviert sind für etwas, fällt uns das viel schwerer und es bedeutet mehr Aufwand für uns.

Bei manchen Familien kommt dann typischerweise etwa in der 4. Klasse die dringliche Erwartung auf, dass sich das Kind nun endlich motivieren kann, weil es so nicht weitergehen soll.

Eine spannende, dem zugrunde liegende Frage, ist für mich aber: wie kommt es denn zu der Motivationslosigkeit oder dem Desinteresse?

Es ist mir wichtig zu betonen, dass besonders plötzliches Desinteresse oder plötzlich auftretende Motivationslosigkeit durchaus ein Symptom eines grossen Unwohlseins des Kindes sein können, weil es etwas erlebt oder erlebt hat, was ihm schwer zu schaffen macht. Oft können Kinder das nicht so ganz genau benennen, oder versuchen vergeblich, Erwachsene immer wieder auf ihr Leiden aufmerksam zu machen. Hier benötigen die Kinder unbedingt ein aufmerksames, liebevolles Hinschauen der Eltern, Lehrpersonen und anderen Bezugspersonen und geeignete Hilfsangebote (in der Schweiz können sich Eltern beispielsweise an die ProJuventute* wenden).

Es gibt aber auch relativ viele Kinder, die grundsätzlich nicht sehr viel Motivation und Interesse aufbringen können, ohne dass dies Ausdruck eines Leidens ist. Um solche Situationen geht es in diesem Artikel.

*dies ist kein bezahlter Link, er soll lediglich eine Hilfestellung für betroffene Eltern sein.

Interessiert geboren

Wir Menschen kommen auf die Welt und sind mit einer unermesslichen Neugierde ausgestattet. Kinder interessieren sich von Natur aus generell eigentlich für alles! Sie möchten die Welt verstehen, sie möchten die Sprache verstehen, sie möchten sich Zusammenhänge erschliessen, viele unterschiedliche Erfahrungen machen und sich in immer mehr Bereichen als Expert*innen fühlen. Bereits kleine Dinge können Kinder unheimlich faszinieren und sie sind richtig stolz auf sich, wenn sie etwas Neues von allein verstanden haben, etwas herausgefunden oder entdeckt haben. Nur mit der ihnen eigenen riesengrossen Neugierde und Wissbegierde, ihrem Interesse und der schier unerschöpflichen Motivation, es immer wieder zu versuchen, bis ein Zusammenhang verstanden ist oder ein Ablauf klappt, können sie überhaupt in so kurzer Zeit so viel Lernen.

Wenn wir beispielsweise daran denken, wie viel Kinder in ihren ersten zwei Lebensjahren leisten, wird klar, dass es dafür eine riesige Portion Motivation braucht!

Orientierung und Norm

Wie kann es denn sein, dass sich Kinder irgendwann für nichts mehr so richtig interessieren?

Wenn ein Kind beispielsweise von den Eltern immer wieder hört, dass seine Entdeckung, über die es sich so sehr freut, gar nicht so spannend ist, oder die Einhörner, über die es gerade grübelt, ja sowieso nur erfunden sind, oder die wiederentdeckte Babyrassel, mit der das vierjährige Kind versunken verschiedene Rhythmen ausprobiert, nur für Babys und deswegen nun wohl sicherlich nicht mehr interessant ist... dann glaubt es das.

Denn genauso, wie sich Kinder grundsätzlich für alles interessieren, glauben sie ihren Eltern grundsätzlich erst mal alles (bis in ein gewisses Alter). Sie orientieren sich an der Erwachsenenwelt, ganz besonders an den Eltern oder anderen engen Bezugspersonen. Durch sie lernen sie, was "die Norm" ist.

Wenn Kinder so lernen, dass die Norm ist, dass das alles nicht wirklich interessant ist, was sie eigentlich interessant finden, kann sich das Interesse irgendwann einstellen. Denn Kinder möchten "der Norm" entsprechen.

Andersherum kann also geschlussfolgert werden, dass Kinder eher ihr Interesse und ihre Motivation behalten werden, wenn ihre erwachsenen Bezugspersonen sich mit ihnen über ihre Erkenntnisse freuen (auch wenn sie für uns Erwachsene banal oder manchmal sogar falsch sein mögen), sie forschen lassen und dabei daran denken, dass Forschen sehr viel mehr als naturwissenschaftliches Forschen sein kann - auch Klänge, Gefühle, soziale Beziehungen, Verhalten und vieles mehr lassen sich forschend entdecken. Wenn wir uns auch in der ärgsten "Warum-Phase" des Kindes über seine Wissbegierde freuen und uns die Zeit nehmen, mit ihm altersgerecht seinen Fragen nachzugehen, egal ob sie für uns wirklich relevant wirken oder nicht, dann tragen wir dazu bei, dass unser Kind freudig interessiert durch sein Leben gehen kann.

Lernen am Modell

Kinder lernen am effektivsten und ganz automatisch am Modell. Das heisst, sie schauen sich das Verhalten ihrer Vorbilder ab, sei das nun "gut" oder "schlecht".

Haben Kinder also Vorbilder (Eltern und andere Bezugspersonen), die selbst interessiert und freudig neugierig durch die Welt gehen, werden sie sich eher auch weiterhin für viele Dinge interessieren und motiviert sein.

Machen Kinder die Erfahrung, dass ihre Vorbilder wenig bis nichts wirklich interessant finden und beispielsweise bei ihren kindlichen Erklärungen abgelenkt auf ihr Handy schauen und nur mit halbem Ohr zuhören, besteht die Möglichkeit, dass Interesse und Motivation abnehmen.

Freude empfinden

Freude ist ein regelrechter Motivationsgarant. Hat dir schon einmal eine Tätigkeit Freude gemacht  und du warst gleichzeitig unmotiviert, sie zu tun? Wahrscheinlich eher nicht. Je mehr wir unterschiedliche Dinge ausprobieren, uns immer wieder Neuem stellen und herausfinden, was uns Freude macht, desto vielfältiger werden die Dinge, Themen und Tätigkeiten, an welchen wir uns erfreuen können. Dadurch steigt die Chance, dass wir auch bei Themen und Tätigkeiten, die uns eher weniger interessieren, irgendeinen Berührungspunkt zu etwas finden, was uns Spass macht.

Und noch wenn wir keinen Berührungspunkt finden, gleicht uns eine Fülle an Dingen, die uns interessieren und begeistern, viel besser aus, als wenn wir nur etwas oder zwei Sachen kennen, die uns Spass machen und uns gut tun.

Auch da gilt: je mehr die Bezugspersonen von Kindern an vielen unterschiedlichen Tätigkeiten und Themen Freude haben und sie zeigen (am besten auch an solchen Tätigkeiten, die nichts mit dem Job oder mit Leistung zu tun haben), desto grösser ist die Wahrscheinlichkeit, dass die Kinder auch Verschiedenes ausprobieren möchten und sich für Diverses begeistern können.

Im Spiel können sich Kinder übrigens ganz wunderbar in unterschiedliche Richtungen vortasten und sich im gemeinsamen Spiel mit anderen von ihrer Begeisterung anstecken lassen!

Ich möchte dich also von Herzen ermutigen, mit ganz viel Interesse für die Lebens- und Gedankenwelt deines Kindes, aber auch für viele andere Bereiche durch die Welt zu gehen, immer wieder Neues auszuprobieren und Freude an unterschiedlichsten Dingen zu haben, egal wie alt die Kinder in deinem Leben sind!

Die nächste Karte reimen, mal eine Deko selbst basteln, etwas Gemüse anpflanzen, der Geschichte des nächsten Ferienorts auf den Grund gehen, auch selbst ein kleines Kunstwerk malen, wenn dein Kind zeichnet, eine neue Sportart ausprobieren, etwas mit Ton modellieren, ein Vogelhäuschen bauen... die Möglichkeiten sind grenzenlos und Begeisterung ist etwas Wunderschönes!

Lass uns gemeinsam mit unseren Kindern interessiert durchs Leben gehen!

 

Herzliche Grüsse

Flurina

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