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Durch die "goldene Brille" dein Kind erkennen

Alle Eltern wünschen sich, dass ihr Kind glücklich, selbstbewusst, intelligent und erfolgreich durch sein Leben geht. Dass es mutig Herausforderungen annimmt, Freunde findet, sich korrekt und höflich gegenüber anderen Menschen verhält und auf seine eigenen Fähigkeiten vertraut. Und alle Eltern freuen sich, wenn sich diese Wünsche erfüllen, wenn es dem eigenen Kind gut geht, ihm alles gelingt und es sein Leben meistert.

Was aber ist, wenn es mal anders ist? Wenn das Kind sich nicht immer so verhält, wie die Eltern es sich gewünscht haben?

„Warum kann mein Kind einfach nicht stillsitzen?“ „Es ist so anstrengend, dass sich mein Kind nicht richtig konzentrieren kann, wir sitzen ewig an den Hausaufgaben.“ „Warum vergisst mein Kind ständig seine Sachen irgendwo?“ „Ich gehe mit meinem Kind lieber nicht mehr auf den Spielplatz, weil es immer Streit mit anderen Kindern anfängt“

Kennst du solche oder ähnliche Gedanken? Sie sind zwar unangenehm und trotzdem gibt es sie. Aber solche Gedanken sind ganz normal, denn dein Kind kann sich gar nicht immer so verhalten wie du es dir vorstellst. Aber ich denke, es ist für dich entscheidend zu erkennen, warum sich dein Kind gerade so benimmt.

In diesem Artikel möchte ich dir aufzeigen, warum es dazu kommen kann, dass du dich als Mutter oder Vater auch mal über dein Kind nervst oder dass dir das Verhalten deines Kindes ab und zu mal unangenehm ist. Und ich möchte dir auch gerne eine kleine, aber sehr wirksame Hilfe für den Alltag näherbringen, um aus diesen Gefühlen wieder herauszukommen und damit du wieder ganz deinem Kind zugewandt sein kannst.

Zu Beginn sind Eltern neugierig

Als dein Kind zur Welt kam, warst du gespannt, wer dieses kleine Menschlein eigentlich ist. Du warst interessiert, zu verstehen, warum dein Baby weint. Du wolltest unbedingt wissen, was sein Weinen bedeutet – hat es Hunger, geht es ihm nicht gut, ist es müde oder braucht es einfach Nähe? Und du hast rasch gelernt, was dir dein Kind sagen möchte, hast seine Bedürfnisse erkannt und hast versucht diese Bedürfnisse immer zu erfüllen.

Du warst ständig in achtsamer Beobachtung, hast zeitnah auf dein Baby reagiert und jeder noch so kleine Entwicklungsschritt hat dich gefreut. So hat dein Kind täglich Neues dazu gelernt - so wie auch du täglich Neues über dein Kind gelernt hast. Und all das hat zu einer tiefen Bindung zwischen dir und deinem Kind geführt. 

Wir denken zu wissen, wie unser Kind ist

Wenn Kinder älter werden, bekommen Eltern das Gefühl, nun zu wissen, wer ihr Kind ist, was es kann, aber auch wie es sein sollte. Vielleicht kennst du das auch, dass du von deinem dreijährigen Sohn sagst: „Fabian ist einfach ein schlechter Schläfer“ oder von deiner siebenjährigen Tochter „Lara ist halt einfach nicht gut in Mathe“. Vielleicht sagst du über deinen jüngeren Sohn „Livio ist immer auf seine grosse Schwester eifersüchtig“ oder du denkst „mit fünf Jahren ist Emilia wirklich sehr hilfsbereit“

Sicher treffen diese Beschreibungen auch auf dein Kind zu, indem aber definiert wird, wie dein Kind ist und so eine Erwartung aufgebaut wird, verliert man rasch den Bezug zum Moment. Das kann dazu führen, dass du dich nicht mehr auf dieselbe Art dafür interessierst, welche Bedürfnisse dein Kind im Moment hat, wie du es gemacht hast, als es noch ein Baby war. Durch die bestehenden Erwartungen bist du nicht mehr gleichermassen neugierig darauf, was dein Kind im Moment gerade beschäftigt und umtreibt, was es benötigt, was ihm gerade gefällt und was ihm fremd ist - wer es in diesem aktuellen Lebensabschnitt eigentlich ist.

Diese festgelegten Erwartungen, führen oft dazu, dass du dein Kind durch eine „Brille“ siehst, wodurch du sein Verhalten immer wieder gleich interpretierst und du schneller genervt bist. Es gibt verschieden Arten von „Brillen“ durch die Kinder wahrgenommen werden können.

Verschiedene Blicke auf Kinder

Sicherlich ist dir die „rosarote Brille“ bekannt. Wir wenden diesen Begriff meist in Bezug auf Verliebtheit an. Im Zusammenhang mit Kindern meint er ein Verschleiern und Überbewerten. Typische Sätze, wenn man durch die rosarote Brille ein Kind wahrnimmt, sind:

„Mia ist erst zwei Jahre und malt schon so toll, sie ausserordentlich begabt“

„Ben hat so ein gutes Ballgefühl, er wird ein zweiter Roger Federer“

„Iva rechnet schon bis hundert – sie wird sicher einmal an die Uni gehen“

„Luca war motorisch schon immer viel besser als andere in seinem Alter“

 

Eine andere Brille durch welche Kinder oft betrachtet werden ist die „Defizit Brille“. Mit dem Blick durch diese Brille werden vorwiegend Schwierigkeiten und Probleme wahrgenommen. Dies kann geschehen, wenn du selbst im Alltag sehr gefordert bist und wenig Zeit und Nerven für die Familie übrig sind.  Typische Sätze dazu sind:

„Karim, nie schaffst du irgendetwas“

„Warum bist du immer so anstrengend, Sofia?“

„Leon, kannst du nicht einmal stillsitzen?“

„Matteo hör auf, immer herumzuschreien, wenn Besuch da ist“

„Ena, lass einfach mal die anderen Kinder in Frieden“

 

Dann gibt es noch die sogenannte „Ist- einfach-so Brille“. Wird ein Kind durch diese Brille wahrgenommen, geht man davon aus, dass sein Verhalten einfach durch Umstände gegeben und nicht veränderbar sind. Typische Sätze sind:

„Julia hat halt ein ADHS“

„Felix konnte noch nie mit Buchstaben“

„Samir ist einfach ein Zappelphillip“

„Luca kann halt nicht mit Zahlen umgehen“

 

Festgelegten Erwartungen, grosse Anforderungen an dich im Alltag und allgemein wenig Zeit zum Innehalten können dazu beitragen, dass du immer mal wieder dein Kind durch eine dieser Brillen wahrnimmst. Dies hemmt dein Kind in der Entfaltung seiner Potentiale und am Glauben an sich selbst und es wird vermehrt das erwartete Verhalten zeigen.

Zeit für den Blick durch die goldene Brille

In solchen Momenten ist Zeit für den Blick durch die „goldene Brille“. Die „goldene Brille“ ist eine wunderbare Möglichkeit aus einer kritischen, vielleicht auch genervten Haltung dem Kind gegenüber, aus einer Negativspirale, herauszukommen.

Ich möchte dir hier gerne zeigen wie du die „goldene Brille“ gebrauchen kannst.

Vielleicht hast du sogar eine alte Sonnenbrille mit einem goldenen Gestell oder sonst eine alte Brille, die du nicht mehr benötigst. Ist sie nicht golden, dann kannst du sie gerne golden bemalen. Setze dir bewusst einmal diese goldene Brille auf und beobachte durch die Brille dein Kind beim Spielen, Hausaufgaben machen oder in der Interaktion mit anderen Kindern. Diese goldene Brille ermöglicht es dir nun, dein Kind als das zu sehen, was es aktuell ist und wie es ihm momentan geht.

Die „goldene Brille“ hilft dir zu einem warmen, neutralen, wertschätzenden und achtsamen Blick auf dein Kind. Du nimmst dein Kind durch die „goldene Brille“ wieder ähnlich wahr, wie du es als Baby wahrgenommen hast. Wenn du interessiert daran bist, wer dein Kind in diesem Moment gerade ist und es dabei nicht bewertest, so ändert dies auch deine innere Haltung zu deinem Kind. Du kannst dein Kind einfacher so annehmen wie es ist. Der Blick durch die goldene Brille kann dir in schwierigen Situationen helfen, aus einer kritischen und genervten Haltung herauszufinden und gibt dir wieder einen neuen Zugang zu deinem Kind und eine wohlwollende Sicht auf die Situation und auf dein Kind. Ausserdem weckt der Blick durch die goldene Brille nach schwierigen Zeiten wieder die uneingeschränkte Freude an deinem Kind.

Fragen beim Blick durch die goldene Brille

Während du durch die „goldene Brille“ dein Kind betrachtest, solltest du dir folgende Fragen stellen:

Was macht mein Kind momentan sehr gerne?

Es spielt gerade sehr gerne alleine, es sucht den Kontakt zu einem speziellen Kind, es träumt gerne vor sich hin, es klettert gerne überall hinauf, es spielt gerne Games, es kocht gerne, es vertieft sich gerne in Bastelarbeiten, es liest gerne in einem Buch…

Was macht dein Kind zur Zeit gar nicht gerne?

Es räumt gar nicht gerne sein Zimmer auf, es kommt nicht gerne mit auf Ausflüge, es rechnet nicht gerne, es mag nicht unter vielen Menschen sein, es mag gerade kein Gemüse essen, es möchte nicht zu Bett gehen…

Welche Eigenschaften kenne ich an meinem Kind?

Es ist fantasievoll und verträumt, es ist wissbegierig, es hat eine schnelle Auffassungsgabe, es arbeitet eher langsam, es ist sehr bewegungsfreudig, es ist schüchtern, es ist fröhlich……..

Achte darauf, dass du, wenn du dir die Eigenschaften deines Kindes nennst, sie nicht bewertest- weder positiv noch negativ. Es sind neutrale Eigenschaften!

Welche Bedürfnisse hat mein Kind aktuell?

Es braucht Nähe, es braucht Sicherheit, es braucht Autonomie, es braucht Bewegungsmöglichkeiten, es braucht Erfolgserlebnisse, es braucht Ruhe und Geborgenheit, es braucht Anerkennung, es möchte in eine Gruppe gehören, es möchte Neues lernen, es braucht Selbstvertrauen…

Was tut meinem Kind zur Zeit gut?

Freie Zeit zum Spielen, mehr Zeit am Morgen, wenig verplante Zeit, klare Strukturen, überschaubare Aufgaben, Zeit um mit Freund*Innen abzumachen, Zeit nur mit uns (Mutter oder Vater) ohne Geschwister, in der Natur sein…

Was tut meinem Kind momentan nicht gut?

Zu lange und zu häufige Bildschirmzeit, mein Stress, unser vollgestopfter Alltag, dass es noch keine Freunde im Kindergarten gefunden hat, meine Ungeduld, dass es häufig in der Kita ist, zu viele Süssigkeiten, dass wir zu oft aufs Handy schauen…

Wodurch ist mein Kind aktuell sehr herausgefordert?

Kindergruppe in der Schule, ein Geschwisterchen kommt bald zur Welt, Buchstaben und Schreiben lernen, die Lehrperson, ein Nachbarskind, Streit zwischen uns Eltern, der Schulweg, Streit mit der besten Freundin, wenig gemeinsame Zeit in der Familie, Krankheit der Grossmutter, Tod des Meerschweinchens…

Worüber freut sich mein Kind gerade besonders?

Wenn es genug unverplante Zeit zum Spielen hat, Gitarrenstunde, Tag bei Grossmami, wenn ich mir Zeit nehme, mit ihm zu spielen, werken mit echtem Werkzeug, wenn es etwas selbständig erledigen darf, wenn es etwas alleine geschafft hat, wenn es mit Freunden abmachen kann, wenn es Zeit im Wald verbringen darf…

All diese Fragen helfen dir, einen neugierigen, achtsamen und neuartigen, Blick auf dein Kind zu erhalten. Sie helfen dir, Erklärungen für ein momentanes, immer wiederkehrendes Verhalten zu bekommen. So wird es dir möglich, zum Beispiel ein Bedürfnis deines Kindes zu erkennen, das dir vorher gar nicht bewusst war. Aus den bewussten Beobachtungen entstehen meist automatisch neue Handlungsweisen, andere Strukturen im Familienleben und eine andere innere Haltung.

 

Ausserdem ist es gut, wenn du während und nach dem Blick durch die goldene Brille dein Kind nicht mit anderen Kindern vergleichst. Lege den Fokus besser darauf, was dein Kind selbst gelernt hat, wo es Fortschritte und positive Veränderungen gemacht hat.

 

Achte darauf die kleinen Schritte, die dein Kind auf ein gestecktes Ziel hin macht, wahrzunehmen, anstatt nur das grosse Ziel im Auge zu haben. Denn die kleinen Schritte kannst du jeden Tag beobachten und dich zusammen mit deinem Kind freuen, dass es dem Ziel ganz langsam näherkommt.

Ich finde es auch immer gut, wenn man sich die Erkenntnisse vom Blick durch die „goldene Brille“ aufschreibt- es gibt eine noch tiefere Wirkung. Es ist auch bereichernd, wenn du deinem Kind – wenn es dafür schon alt genug ist – erzählst was du so beobachtet hast. Dein Kind fühlt sich wertgeschätzt und merkt, dass es gesehen wie es aktuell ist. Vielleicht korrigiert dein Kind deine Wahrnehmungen noch etwas oder fügt anderes dazu. Diese Gespräche können die Bindung zu deinem Kind vertiefen und das gegenseitige Verständnis erweitern.

 

Schön finde ich auch, wenn du mit deinem Kind in einem kleinen Ritual jeden Abend überlegst, was an diesem Tag gut geklappt hat, worauf dein Kind und du stolz seid. So kann der goldene Blick noch etwas weitergetragen werden.

 

Selbstverständlich musst du dir nicht immer wirklich eine goldene Brille aufsetzten. Das erste Mal hilft es dir aber tatsächlich, anders auf dein Kind zu schauen. Aber dann kannst du dir die „goldene Brille“ einfach vorstellen- wann immer du denkst es würde euch helfen.

Als Mutter und nun als Grossmami tat und tut mir der Blick durch die „goldene Brille“ auch immer mal wieder gut, denn es gibt immer Zeiten, in denen das Zusammenleben mit Kindern mühsam und herausfordernd ist. Und mit dem Blick durch die „goldene Brille“ kann ich vieles auflösen und verändern. Es half und hilft mir auch heute, die Eigenschaften, Vorlieben, Eigenheiten und Bedürfnisse eines Kindes immer wieder neutral und wohlwollend wahrzunehmen, ohne sie zu bewerten.

 

Nun wünsche ich dir viele “goldene Blicke“ und damit mehr Entspanntheit und Freude in der Beziehung mit deinem Kind!

 

Liebe Grüsse aus dem Atelier

Monika von hanni&fred

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